Operating-Model-Raster (Standardisierung und Integration)
Wann Sie diese Methode brauchen
Sie stehen vor einer Vereinheitlichung: ein CRM für alle Einheiten, ein Abrechnungsstack, ein Prozess. Begründet wird das mit Synergie, geprüft wird die Begründung nicht. Wo Einheiten weder gemeinsame Kunden noch eine gemeinsame Prozesslogik haben, kostet Vereinheitlichung Geld und Aufmerksamkeit, ohne dass ein Kunde oder eine Kostenposition davon etwas hat. In Portfolios und nach Zukäufen ist das die teuerste stille Fehlentscheidung, weil sie nie als Entscheidung auftaucht, sondern als selbstverständlicher nächster Schritt.
Vorgehen
- 1Die Kernprozesse benennen, die das Geschäft tragen: Auftrag bis Rechnung, Onboarding, Service, Entwicklung, Abrechnung.
- 2Achse Standardisierung bewerten, je Kernprozess: Profitieren Kunden oder Kosten messbar davon, dass dieser Prozess in allen Einheiten gleich abläuft?
- 3Achse Integration bewerten, je Kernprozess: Hängt der Abschluss einer Transaktion in einer Einheit von Verfügbarkeit, Richtigkeit und Aktualität der Daten einer anderen Einheit ab?
- 4Den Quadranten ablesen und schriftlich benennen, dann alle laufenden Vorhaben dagegen halten und Widersprüche markieren, typisch etwa ein Unifikations-Projekt in einem Geschäft, das nach Diversifikation arbeitet.
- 5Aus dem Quadranten ableiten, welche Fähigkeiten gemeinsam gebaut werden und welche lokal bleiben, und daraus die Reihenfolge der Investitionen.
- 6Bei Zukäufen das Zielmodell des Käufers vor dem Closing festhalten und danach nur die Prozesse angleichen, die dieses Modell verlangt; alles andere ausdrücklich in Ruhe lassen.
Typische Anwendung
Ein typisches Beispiel: Ein Software-Portfolio mit sieben zugekauften Anbietern beschließt eine gemeinsame Plattform, weil jede einzelne Gesellschaft ihr eigenes CRM, ihre eigene Abrechnung und ihren eigenen Support-Stack betreibt. Der Durchgang durch das Raster zeigt, dass sechs der sieben Gesellschaften keine gemeinsamen Kunden haben; eine Transaktion in einer Gesellschaft braucht zu keinem Zeitpunkt die Daten einer anderen. Auf der Standardisierungsachse dagegen fällt auf, dass Vertragsverlängerung und Rechnungsstellung überall gleich ablaufen könnten und in jeder Gesellschaft Personal binden. Das Portfolio benennt Replikation als Zielmodell statt Unifikation: Abrechnung und Verlängerung werden vereinheitlicht, CRM und Support bleiben lokal. Das ursprünglich geplante Plattformprojekt schrumpft auf einen Bruchteil seines Umfangs, und die Produktteams behalten die Nähe zu ihren Kunden, für die sie gekauft wurden.
Grenzen und Gegenindikationen
Das Raster benennt den nötigen Grad an Gleichheit und Kopplung, nicht den Weg dorthin; einen Migrations- und Ablöseplan ersetzt es nicht. Beide Achsen sind Einschätzungen, keine Messungen: Zwei Teams können dasselbe Geschäft unterschiedlich einordnen, und die Disziplin liegt in der schriftlichen Begründung je Kernprozess, nicht im Bild mit den vier Feldern. Der Quadrant gilt immer nur für eine Ebene; eine Gruppe kann auf Konzernebene diversifiziert sein und innerhalb einer Sparte unifiziert, wer das Raster auf das ganze Haus in einem Rutsch anlegt, bekommt eine falsche Antwort. Die Belegbasis der Autoren stammt aus eigenen Erhebungen und Fallarbeit mit selbstberichteten Wirksamkeitsmaßen; das stützt Plausibilität, nicht Kausalität. Zu Menschen, Anreizsystemen und Kultur sagt das Raster nichts, obwohl daran die meisten Vereinheitlichungen scheitern. Und es stammt aus der IT-Architektur-Welt der Jahre um 2005: Datenintegration ist heute technisch billiger, was die Integrationsachse verschiebt, die Frage nach der Prozess-Standardisierung aber unberührt lässt.
Woran Sie Wirkung messen
Halten Sie je Kernprozess fest, welchen Standardisierungs- und welchen Integrationsgrad er braucht, und messen Sie, welcher Anteil der laufenden Vorhaben zum benannten Quadranten passt. Bei Zukäufen zusätzlich: Zahl der tatsächlich angeglichenen Prozesse gegen die Zahl der Prozesse, die das Zielmodell verlangt, sowie die Zeit bis zur ersten gemeinsamen Abrechnung.
Verwandte Methoden
Werkzeuge dafür
Quellen
- 1.Jeanne W. Ross: Forget Strategy: Focus IT on Your Operating Model, MIT CISR Research Briefing Vol. V, No. 3C (öffnet in neuem Tab) · MIT Center for Information Systems Research · 2005-12-09 · Wissenschaft und Fachliteratur · belegt den WirkmechanismusTrägt den Kern der Methode: Die Unternehmensstrategie gibt nach dieser Arbeit zu selten eine hinreichend klare Richtung für stabile Prozess- und IT-Fähigkeiten, deshalb wird stattdessen ein Betriebsmodell festgelegt, das den nötigen Grad an Prozessintegration und Prozessstandardisierung benennt. Grenze: Die frei zugängliche Seite enthält Abstract und Audiofassung, die vier Quadranten werden dort nicht ausbuchstabiert.
- 2.Diversification, Coordination, Replication, and Unification (Archivbeitrag von J.D. Meier mit wörtlichen Zitaten aus dem Buch) (öffnet in neuem Tab) · Microsoft Learn, Blog-Archiv · 2013-02-24 · Praxisquelle · beschreibt das VerfahrenTrägt das anwendbare Verfahren: gibt die beiden Diagnosefragen der Autoren wörtlich wieder, nämlich ob der Abschluss einer Transaktion einer Einheit von Verfügbarkeit, Richtigkeit und Aktualität der Daten anderer Einheiten abhängt und ob das Unternehmen davon profitiert, dass Einheiten gleich arbeiten, dazu die Definitionen der vier Quadranten und den Hinweis, dass verschiedene Ebenen eines Konzerns unterschiedliche Modelle haben können. Grenze: Sekundärwiedergabe in einem Blog, nicht das Buch selbst; die dort zitierten Prozentwerte zur Wirksamkeit sind fehlerhaft transkribiert und werden hier nicht übernommen.
- 3.Enterprise Architecture as Strategy: Creating a Foundation for Business Execution, Ross, Weill & Robertson, Buchseite des MIT CISR (öffnet in neuem Tab) · MIT Center for Information Systems Research · 2006-08 · Wissenschaft und Fachliteratur · liefert den AnlassBelegt Urheberschaft, Erscheinungsjahr 2006 und die Einordnung: Das Betriebsmodell wird als Vorstellung davon beschrieben, wie ein Unternehmen überlebt und wächst, und über die Unternehmensarchitektur umgesetzt. Grenze: Die Seite ist eine Buchankündigung und enthält weder die beiden Achsen noch die vier Quadranten.
- 4.Enterprise Architecture as Strategy, Aufbereitung mit den Nachteilen je Betriebsmodell (Željko Obrenović) (öffnet in neuem Tab) · grounded-architecture.io · ohne Datumsangabe, abgerufen 2026-07-30 · Praxisquelle · liefert den AnlassBenennt die Kehrseite jedes Quadranten und stützt damit den Grenzen-Abschnitt: Diversifikation verschenkt mögliche Verbundeffekte, Koordination erkauft Datendurchgängigkeit mit Integrationsaufwand, Replikation lässt Einheiten ohne gemeinsames Bild voneinander arbeiten, Unifikation schränkt die Anpassungsfähigkeit einzelner Einheiten ein. Grenze: Aufbereitung eines Praktikers ohne eigene Erhebung, ohne Datumsangabe und ohne kritische Prüfung des Rasters selbst.
Ursprung: Ross/Weill/Robertson (MIT CISR)