Growth Endurance (Wachstums-Ausdauer)
Wann Sie diese Methode brauchen
Das Wachstum lässt nach, und niemand im Raum kann sagen, ob das normal ist. Der Beirat sieht 43 Prozent nach 75 und liest darin ein Versagen des Vertriebs. Das Team liest darin die größer gewordene Basis. Beide Seiten argumentieren ohne Erwartungswert, und deshalb gewinnt die lautere Stimme. Solange kein Maßstab für den üblichen Wachstumsverfall existiert, wird jede Verlangsamung entweder dramatisiert oder weggeredet, und die knappen Mittel gehen an die falsche Stelle.
Vorgehen
- 1ARR zum jeweiligen Jahresende für die letzten drei bis vier Jahre erheben und daraus die Wachstumsrate je Jahr berechnen.
- 2Für jedes Jahrespaar die Ausdauer bilden: Wachstumsrate des Jahres geteilt durch die Wachstumsrate des Vorjahres.
- 3Das Ergebnis gegen die veröffentlichten Bänder legen: rund 70 Prozent gilt bei privat gehaltenen Anbietern als üblich, 75 Prozent als besser, 80 Prozent als sehr gut; börsennotierte Anbieter lagen historisch bei etwa 80 Prozent.
- 4Liegt der eigene Wert deutlich unter dem Band, die Verlangsamung nicht länger mit der Basiswirkung erklären, sondern in die Ursachen gehen: ausgereiztes Kernsegment, gefallene Bindung, fehlende Vertriebskapazität, Preisstruktur.
- 5Für die Planung die eigene, historisch gemessene Ausdauer auf die aktuelle Wachstumsrate anwenden und die ARR-Bahn mehrere Jahre fortschreiben, statt mit einer Wunschrate zu rechnen.
- 6Die Differenz zwischen Planwachstum und ausdauer-impliziertem Wachstum ausweisen und als das benennen, was sie ist: eine Wette, die eine eigene Begründung braucht.
Typische Anwendung
Ein typisches B2B-SaaS im HR-Umfeld wächst über drei Jahre von 8 auf 14 auf 20 Millionen Euro ARR, also erst 75 Prozent, dann 43 Prozent. Der Beirat liest den Rückgang als Vertriebsproblem und fordert zusätzliche Köpfe. Die Ausdauer beträgt 57 Prozent und liegt damit deutlich unter dem üblichen Band, die Verlangsamung ist also nicht allein die Basiswirkung. Der Blick in die Ursachen zeigt zwei Dinge: Das Kernsegment ist weitgehend durchverkauft, und die Bruttobindung ist im Vorjahr gefallen. Zusätzliche Vertriebsköpfe hätten daran nichts geändert. Das Budget geht stattdessen in ein zweites Segment und in die Bindung, und die Mehrjahresplanung wird auf eine ausdauer-basierte Bahn umgestellt.
Grenzen und Gegenindikationen
Die Stabilität der Ausdauer ist ein Populationsbefund aus Portfoliodaten von Wagniskapitalgebern, kein Gesetz für die einzelne Firma. Die Firmenwachstumsforschung findet auf Einzelfirmenebene nur schwache Persistenz und bei den schnellsten Wachsern sogar negative Autokorrelation, dort ist anhaltend hohes Wachstum die Ausnahme. Wer die Kennzahl als Prognose für ein einzelnes Unternehmen benutzt statt als Erwartungswert, überdehnt sie. Die Bänder stammen zudem aus einer bestimmten Marktphase; neuere Praktikerdaten weisen einen deutlich niedrigeren Wert aus. Bei niedrigen Ausgangsraten verliert der Quotient seine Aussagekraft, denn 80 Prozent Ausdauer auf 3 Prozent Wachstum bedeuten etwas völlig anderes als auf 60 Prozent. Zukäufe, Preisumstellungen und einzelne Großabschlüsse verzerren den Wert, und mit weniger als drei sauberen Jahresständen ist er nicht bildbar.
Woran Sie Wirkung messen
Führen Sie die Ausdauer je Jahrespaar über mindestens drei Jahre und stellen Sie ihr GRR und NRR zur Seite, denn Bindung und Ausweitung sind der direkteste Hebel auf den Wert.
Verwandte Methoden
Quellen
- 1.Scaling to $100 Million, Bessemer Venture Partners (BVP Atlas), Abschnitt Growth Endurance (öffnet in neuem Tab) · Bessemer Venture Partners · 2021 · Praxisquelle · beschreibt das VerfahrenTrägt Definition und Verfahren: Growth Endurance ist der Anteil der Wachstumsrate, der von einem Jahr ins nächste erhalten bleibt. Im privaten Cloud-Markt zerfällt Wachstum um rund 30 Prozent je Jahr, das Folgejahr liegt also bei etwa 70 Prozent des laufenden; im BVP Nasdaq Emerging Cloud Index liegt die Ausdauer bei rund 80 Prozent. Die Quelle zeigt zugleich die Anwendung als Fortschreibung bis zu einer ARR-Zielmarke. Grenze: Es handelt sich um eine Heuristik aus Portfoliodaten eines einzelnen Kapitalgebers, ohne offengelegte Stichprobengröße und ohne Begutachtung.
- 2.Understanding Revenue Growth Endurance, Mostly Metrics (CJ Gustafson) (öffnet in neuem Tab) · Mostly Metrics · 2025 · Praxisquelle · beschreibt das VerfahrenTrägt den expliziten Rechenweg und die Auslegungsregeln: Wachstum dieses Jahres geteilt durch Wachstum des Vorjahres, im Rechenbeispiel 40 Prozent geteilt durch 50 Prozent gleich 80 Prozent Ausdauer. Für privat gehaltene Anbieter nennt die Quelle 70 Prozent als gut, 75 Prozent als besser, 80 Prozent als sehr gut; unter 100 Prozent bedeutet Verlangsamung, über 100 Prozent Beschleunigung. Sie benennt selbst die wichtigste Grenze: Derselbe Ausdauerwert bedeutet auf 3 Prozent Wachstum etwas anderes als auf 20 Prozent. Grenze: Sekundärdarstellung ohne eigene Datenerhebung, die Bänder stammen aus der Bessemer-Arbeit.
- 3.2025 SaaS Performance Metrics Benchmarks, Benchmarkit (öffnet in neuem Tab) · Benchmarkit · 2025 · Praxisquelle · liefert VergleichszahlenLiefert einen aktuellen Datenpunkt zur Höhe der Bänder: Der Referenzwert für Growth Endurance lag früher bei rund 80 Prozent und ist in den letzten zwei Jahren auf rund 65 Prozent gefallen. Das belegt, dass die Bänder marktphasenabhängig sind und nicht als feste Konstante gelesen werden dürfen. Grenze: Die Quelle führt Growth Endurance nur als erläuternde Randnotiz zum Wachstumsabschnitt, ohne Stichprobengröße und ohne Methodik speziell für diese Kennzahl.
- 4.Coad, Daunfeldt, Halvarsson: Firm Age and Growth Persistence, Konferenzpapier Innovation Forum VI, Paris (öffnet in neuem Tab) · Innovation Forum VI (University of Paris Ouest Nanterre) · 2014 · Wissenschaft und Fachliteratur · begrenzt das VerfahrenSetzt der Kennzahl die empirische Grenze. Auf Basis aller schwedischen Kapitalgesellschaften 1997 bis 2010 zeigen die Autoren, dass die Autokorrelation von Umsatzwachstum bei jungen Firmen positiv ist, mit dem Alter aber zunehmend negativ wird, und dass die Persistenz nach weniger als zehn Jahren vernachlässigbar wird. Sie referieren zudem den Forschungsstand, wonach die stärkste negative Autokorrelation ausgerechnet bei den zehn Prozent am schnellsten wachsenden Firmen auftritt, anhaltend hohes Wachstum also ein sehr unwahrscheinlicher Verlauf ist. Für die Methode heißt das: Ein stabiler Ausdauerfaktor ist ein Aggregatbefund, kein Fortschreibungsrecht für die einzelne Firma. Grenze: Die Arbeit betrachtet die Gesamtwirtschaft Schwedens und nicht Cloud-Geschäftsmodelle, sie widerlegt die Bänder also nicht, sondern begrenzt ihre Reichweite.
Ursprung: Bessemer / D'Onofrio